Erster Tagebucheintrag, geschrieben von Chucky: Reise an die EU-Außen­grenze von Berlin-Tegel nach Lesbos.

Dienstag morgens um 5:30 Uhr kommen wir in Tegel an. Der dort gewonnene mediale Eindruck verstärkt gleich das Ziel unserer Reise: In den – im Berliner und Münchner Terminal groß­zügig darge­bo­tenen – Gratis­zei­tungen bestimmen neben Ratschlägen, wie die Demokratie mit AFD-Björn und Pegida-Lutz umgehen muss, vor allem Berichte über die aktuelle Situation der Refugees die vorderen Seiten. Merkel berät mit Erdogan über ein koope­ra­tives Vorgehen zwischen der Türkei und der EU. Dabei betont die Türkei, ebenso wie das offizielle und sogenannte dunkle Deutschland, kein Einwan­de­rungsland zu sein. Was der völki­schen Natio­na­l­ideo­logie beider Staaten auch massiv wider­sprechen würde. Gleich­zeitig funktio­niert die Koope­ration zwischen den einzelnen EU-Staaten auf der Balkan­route so schlecht, dass Dutzende Refugees wortwörtlich zwischen Kroatien und Slowenien im Regen sitzen gelassen werden. Während­dessen berichtet die Münchner Lokal­presse über einen rassis­tisch – so würde es im König­reich Bayern natürlich niemand ausdrücken – polternden Seehofer und die Berliner über das Chaos und das Behör­den­ver­sagen vor dem LAGeSo. Alles normal also im von der flücht­lings­po­li­ti­schen Dauer­de­batte geprägten Deutschland.

Ansonsten findet sich im Reise­ge­päck die aktuelle Ausgabe des Ciceros, in dem vor dem Untergang der europäi­schen Zivili­sation gewarnt wird – mit Bezug auf das römische Imperium, das dem Artikel zufolge auch an Völker­wan­de­rungen zu Grunde gegangen ist. Kurzum: der Refugee als Mensch begegnet einem – wenn er nicht gerade von Merkel gestrei­chelt wird – nicht in der medialen Bericht­er­stattung, sondern seit 22 Tagen vor dem LAGeSo in Berlin sitzend, wo wir tags zuvor unser erstes Video gedreht haben. Oder eben am Anfang des europäi­schen Elends: auf Lesbos in Griechenland, wo wir nach längerem Aufenthalt in Athen abends gegen 22 Uhr ankommen. Dort ist das Thema Refugees ebenfalls gleich sehr präsent, denn der Autover­mieter erklärt uns sofort, in welche Situation wir uns begeben, wenn wir Refugees (oder nach seinen Worten „Im­mi­grants“ – was auch immer letzteres in diesem Kontext bedeuten soll) in unserem Auto mitnehmen: Ihr werdet verhaftet, der Mietwagen wird euch abgenommen und ihr habt ein großes Problem. Auf Nachfrage erklärt er, dass das jeden Tag passiere. Wir sind vorge­warnt und fahren zum Hotel.

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