Zweiter Tagebucheintrag, geschrieben von Chucky und Fabio: Erste Schritte in den Norden / Manda­mados

We can help you but you have to help us.We can help you but you have to help us.

Bevor man Refugees begegnet, sind sie schon präsent: Das gestrige Erlebnis mit dem Mietwa­gen­ver­leiher (siehe Tagebucheintrag von Dienstag). Die Schwimm­westen und kaputten Boote, die zahlreich am Strand liegen. Der Kellner, der einen fragt, ob man als Helfer hier sei. Oder die Hinweis­zettel der KKE in Manda­mados (ca. 15 km südlich der Nordseite), auf denen die Partei erklärt, helfen zu wollen und die Refugees gebeten werden, keinen Müll zu hinter­lassen. Und je näher wir der Nordküste der Insel kommen, desto häufiger treffen wir sie auf der Straße. Alleine, in Gruppen, zu Dutzenden. Wir möchten zwar helfen, doch können zu diesem Zeitpunkt das Ausmaß der Polizei­kon­trollen noch nicht einschätzen und somit auch nicht das Risiko eines illegalen Trans­portes. Heute Nachmittag haben wir einen „Buss­top“ (eine Art Zwischencamp zum kurzzei­tigen Aufenthalt mit ansch­ließender Weiter­fahrt nach Mytilene) bei Manda­mados besucht. Dort kommen die Refugees zu Fuß an, was einen etwa 5- bis 8-stün­digen Fußmarsch bedeutet.

Regen bei MandamadosRegen bei Manda­mados

Es gibt also schon Busse. Nur nicht genug. Wenn Leute trans­por­tiert werden, so sind es in der Regel Kinder, Frauen und alte gebrech­liche Männer. Das bedeutet dann häufig eine Trennung von Familien, weswegen viele Leute auf der Suche nach verlo­renen Famili­en­mit­gliedern sind. So auch einige kurdische Frauen, die uns bitten, ihre fünf Söhne bezie­hungs­weise Brüder (zwischen 11 und 20) zu suchen, was wir erfolglos versuchen. Noch ist uns unklar, was zwischen Manda­mados und der Küste passiert. Wir sehen nur die Gruppen von Geflüch­teten, die von Norden aus in die Stadt kommen, um diese bergauf und gen Süden Richtung „Bus Stop“ wieder zu verlassen. Vor Ort erhalten sie eine Farbkarte, die die Weiter­fahrt zu den Hotspots in die Haupt­stadt der Insel regeln soll. Es gibt unter­schied­liche Farben. In der Schlange zur Regis­trierung treffen wir Naem, der zwischen uns und einer afgha­ni­schen Familie über­setzt. Genau wegen dieser Tätigkeit ist er auf der Flucht, denn er war für ISAF als Über­setzer im Einsatz und musste nach dem Abzug der Truppen fliehen. 25 Tage lang war er unterwegs bis er in der Türkei ankam. Und nur wenige Stunden bevor er mit uns spricht, ist er an der Küste von Lesbos aus dem Boot gestiegen: „I’m still wet“, erklärt er uns grinsend.

Naem, ISAF-Übersetzer aus Afghanistan, getroffen in MandamadosNaem, ISAF-Über­setzer aus Afgha­nistan, getroffen in Manda­mados

Nach der Regis­trierung steht er in aller Seelenruhe an einem der Wasser­hähne, wäscht sich, richtet sein Hemd und säubert seine Schuhe. Dann erklärt er sich zu einem Interview bereit und erzählt uns von seiner Reise bis zum Auffang­lager in Manda­mados, seinem Reiseziel Frankfurt am Main, dem Plan dort sein Ingenieur­s­studium zu beenden und seinem Flucht­grund. Nach dem Interview wollen wir uns verab­schieden und laufen dabei alten Bekannten in die Arme: Erik und Kari aus Berlin schauen ebenso verdutzt wie wir. Wir tauschen uns über die Situation vor Ort aus und verab­reden uns für den nächsten Tag an der Nordküste. Insgesamt lässt sich sagen, dass die Organi­sation in diesem “Busstop” über­ra­schend gut verläuft, so dass die Refugees dort nur wenige Stunden Aufenthalt hatten. Ein längerer Aufenthalt würde auch nicht funktio­nieren, weil es keinen Arzt und keine Verpflegung gibt. Lediglich einen Kiosk, der nachts geschlossen hat.

Was denkst du?