Fünfter Tagebucheintrag: Samstag, 24.10. – Der letzte Tag auf Lesbos

Am Samstag­morgen fahren wir mit gepackten Sachen im Auto nach Moria, da wir am Abend die Fähre nehmen wollen. In Moria herrscht immer noch dasselbe Chaos wie schon zwei Tage zuvor. Die Polizei ist außerhalb der ehema­ligen Abschie­be­knäste, die heute nach Herkunft getrennte Regis­trie­rungs­punkte sind, nicht mehr präsent. Statt­dessen über­nimmt das UNHCR teilweise ihre Aufgaben. Auf Nachfrage begründen UNHCR-Mitar­beiter*innen das damit, dass sie die Aufgaben humaner machen, als die Polizei es tun würde. Auch wenn ihnen offen­sichtlich nicht ganz wohl dabei ist, scheint dies doch die bessere Lösung für die Refugees zu sein. Mittler­weile wird langsam eine gewisse Infra­struktur aufgebaut (oder wieder­auf­gebaut. So genau lässt sich das nicht feststellen.) Während wir durch die aus UNHCR-Hütten, Zelten, Planen und anderen Dingen – die man in Berlin wohl als Schrott bezeich­nenen würde – impro­vi­sierte kleine Stadt laufen, treffen wir auf einen Fotojour­na­listen aus den USA und eine Journa­listin aus Australien. Die beiden führen uns herum auf dem Gelände, dass noch viel größer ist, als wir es Donners­tag­nacht erkennen konnten. Es macht einen deutlichen Unter­schied, dass es Tag ist und nicht regnet. Das apoka­lyp­tische Szenario, dass sich uns zuvor geboten hatte, ist einer post-apoka­ly­ti­schen Ansicht gewichen. Zwischen den zahlreich aushar­renden Refugees stehen immer wieder Händler. Menschen die vor Krieg und Elend fliehen, treffen auf von der Finanz­krise gebeu­telte Griechen, die in ihnen vor allem eine Chance auf Profit sehen. Die Auswir­kungen des kapita­lis­ti­schen Alltags in Reinform am Rande der EU.

Familie aus Kobane steht um ein Feuer herum, trocknet BekleidungFamilie aus Kobane wärmt sich am Feuer

Gemeinsam mit den beiden Journa­listen fahren wir nach Karatepe, dem anderen Regis­trie­rungs­lager. Ursprünglich war dieses für Syrer bestimmt, doch im Chaos von Lesbos haben derartige Regelungen wohl nicht all zu lange Bestand. Der Anblick, der uns in Karatepe erwartet, ist erschre­ckend. Während Moria vollkommen über­füllt ist und Menschen in impro­vi­sierten Bauten campieren, stehen hier zahlreiche UNHCR-Hütten, aber nur in den wenigsten sitzen Refugees. Vor dem Regis­trie­rungs­punkt ist keine Schlange. Generell befinden sich nur wenige Menschen auf dem ehema­ligen Gelände einer Fahrschule, auf dem die Regis­trierung statt­findet. Ein paar mehr befinden sich auf der aus UNHCR-Hütten und Zelten geschaf­fenen kleinen Stadt direkt daneben. Es regnet zwar nicht mehr, aber die Tempe­ra­turen sind mittler­weile deutlich abgekühlt. Vor einer der UNHCR-Hütten wärmen Mitglieder einer Familie aus Kobane sich an einem Feuer, während sie versuchen ein paar ihrer Klamotten zu trocknen. Während der ältere Teil der Familie versucht, das Feuer mit Pappkartons am Leben zu erhalten, springen die Kinder der Familie um das Feuer herum und posieren für die Kamera des ameri­ka­ni­schen Fotojour­na­listen. Um am Abend recht­zeitig die Fähre zu bekommen und das Auto abzugeben, brechen wir zum Hafen auf. Nachdem wir das Auto abgegeben haben, spazieren wir ein bisschen am Hafen entlang, um uns etwas zu Essen zu kaufen. Ein Gyros-Imbiss ist über­füllt von jungen Refugees. Um die Kommu­ni­kation zwischen beiden Seiten, die beide nicht das beste Englisch sprechen, zu erleichtern, gibt es im Imbiss eine ausge­druckte und einge­schweißte Din-A4-Seite mit drei Bildern: Gyros small 3€, Gyros Big 4€ und Burger 3,50€. Der Burger ist ausver­kauft. Am heutigen Tag fällt mir immer wieder auf, wie sich die griechische Wirtschaft an die Refugees anpasst. Denn auch jedes weitere Geschäft am Hafen hat sein Sortiment um Alltags­ge­gen­stände, Zelte und Sonnen­blu­men­kerne erweitert.

Direkt an der Anlege­stelle der Fähren herrscht betrieb­sames Treiben. Zahlreiche Refugees campieren dort, mit Mopeds und Fahrrädern fahren viele Händler, aber auch freiwillige Helfer, die Wasser verteilen, herum. Wir kaufen uns ein Ticket für die Fähre von Hellenic Seaways, die wohl mit ein paar Stunden Verspätung loslegen wird und stellen uns zu den anderen Wartenden. Es scheint, dass wir mit Ausnahme von Polizei und Mitar­beitern der Fähr­ge­sell­schaften die einzigen Europäer vor Ort sind. Wir treffen Naem wieder und flüchten gemeinsam mit ihm und den zahlreichen anderen vor dem Regen unter ein kleines Vordach. Sein Freund Salam­hudin bietet mir Sonnen­blu­men­kerne an. Als nach mehreren Stunden die Fähre immer noch nicht kommt, erfahren wir im Büro, dass sie aufgrund des Wetters erst am nächsten Morgen kommen wird und beschließen, uns ein Hotel mit Naem und Salam­hudin zu nehmen. Im Hotel schaue ich mir mit den beiden eine Vice-Doku über die Menschen an, die vor dem islami­schen Staat flüchten. Auch wenn die Doku auf griechisch ist, sprechen die Bilder doch eine eigene Sprache. Als eine Europa­karte einge­blendet wird, zeige ich Naem den Weg, der vor ihm liegt, wenn er Frankfurt erreichen will. Als ein Grenz­übergang zwischen dem Iran und der Türkei gezeigt wird, erkennt er ihn wieder und berichtet mir von seinen Erfah­rungen vor Lesbos. Von türki­schen Schleusern die mit der Polizei zusammen arbeiten und von einem Gefecht zwischen Taliban und afgha­ni­scher Armee, in das sie beinahe hinein­ge­raten wären. Während er das erzählt, strahlt er eine derartige Abgeklärtheit aus, dass mir all die Probleme meines Studen­ten­lebens in der Groß­stadt nichtig und klein vorkommen. Aller­dings bin ich nicht über den Wolken, sondern in einem Hotel­zimmer in Lesbos mit zwei afgha­ni­schen Flücht­lingen, die vor den Taliban fliehen mussten und in den Westen, an den Teile Europas gerade den Glauben verlieren, ihre ganze Hoffnung setzen. Ich schlafe unruhig, denn in der Nacht bekomme ich Magen­darm­grippe und Fieber. Nicht unbedingt die beste Voraus­setzung für die Fähr­fahrt am nächsten Morgen…

Fabio, Naem und Chucky warten auf die ÜberfahrtFabio, Naem und Chucky warten auf die Über­fahrt

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