Dritter Tagebucheintrag, geschrieben von Chucky: Von verlas­senen Lagern und Polizei­re­pression bei Moria

Am dritten Tag der Reise fuhren wir früh morgens wieder in das Auffang­lager bei Manda­mados (siehe dazu Tagebucheintrag von Mittwoch), das immer noch etwa gleich stark gefüllt war und weiter den Umständen entspre­chend lief. Immer weiter kamen zu Fuß neue Refugees an, denen wir entgegen fuhren (circa 20 Minuten mit dem Auto), bis wir ein zweites Auffang­lager mit ähnlicher Funktion erreichten. Dieses wurde vom UNHCR aufgebaut und von Freiwil­ligen organi­siert und befand sich im totalen Chaos. Bis auf Waha und Euroleaf waren keine Organi­sa­tionen mehr vor Ort, dennoch kamen immer wieder neue Refugees an und der Abtransport funktio­nierte nur schleppend. Laut Dr. Drago von Waha gab es in der Nacht wohl Ausschrei­tungen im völlig über­füllten Camp, das den meisten Menschen im Regen kein Dach mehr bieten konnte. Wegen der Über­füllung und zu wenig Helfer*innen war eine Koordi­nierung des Busein­stieges kaum möglich, weswegen es zu Ausein­an­der­set­zungen um die wenigen verfüg­baren Busplätze gab. Aus diesem Grund sind fast alle Freiwil­ligen abgezogen, zahlreiche Refugees zu Fuß weiter gelaufen und Männer in Uniform und mit Maschi­nen­ge­wehren – sie sprachen angeblich hollän­disch – haben gemeinsam mit der Polizei die Koordi­nation über­nommen. Bei den Ausschrei­tungen gab es wohl einige verletztes Refugees und Volun­teers. Nachdem wir mit den wenigen verblie­benen Freiwil­ligen gesprochen und bei den Aufräum­ar­beiten geholfen hatten, fuhren wir mit Markus, einem Schweizer Rettungs­schwimmer, weiter zum Strand. Markus erzählte uns von der Organi­sation der Rettungs­schwimmer, der mittler­weile vorhan­denen Profes­sio­na­lität der freiwil­ligen Helfer und dem Ablauf der Landungen der Refugees. Es regnete die ganze Zeit relativ stark.

 

Rettungswesten und Schlauchboot-Überreste am Strand von LesbosRettungs­westen und Schlauchboot-Über­reste am Strand von Lesbos

Wir befanden uns an einem Strand, an dem ein Boot landen sollte. Um uns bemerkbar zu machen, winkten wir mit den am Strand zahlreich liegenden Rettungs­westen, brachten einige an den Bäumen an (siehe Video), damit die Refugees auf uns aufmerksam würden und an diesem sicheren Strand und nicht bei gefähr­lichen Klippen an Land gingen.

Die circa 50 Refugees kamen an und wurden sehr schnell von den freiwil­ligen Helfern – koordi­niert durch die spani­schen Rettungs­schwimmer – mit Tee, Notdecken und Regen­capes versorgt. Wir brachten die Refugees teilweise mit dem Auto ins Auffang­lager, der Rest lief zu Fuß die circa 1500 Meter. Das Auffang­lager war jedoch inzwi­schen aufge­geben worden, was aller­dings zwei junge nieder­län­dische Frauen – weil sie gerade zu Mittag essen waren – nicht mitbe­kommen hatten. Dann haben sie das Lager quasi alleine mit uns koordi­niert und aufge­räumt, sowie die von Kari und Erik gebrachte Nahrung und Getränke verteilt.

 

Im Gespräch mit niederländischen FreiwilligenIm Gespräch mit nieder­län­di­schen Freiwil­ligen

 

Vor Ort erzählte mir eine afgha­nische Familie, dass ihr Ziel Dresden sei – ausge­rechnet. Irgendwann kamen sieben Busse, sodass die Refugees, die ankamen, direkt in die Busse steigen konnten und das Lager quasi umgangen werden konnte. Nachdem es im Lager etwas ruhiger geworden war, konnten wir uns noch mit den anderen Helfenden austau­schen und ein Interview mit den beiden Nieder­län­de­rinnen machen. Danach fuhren wir nach einem kleinen Abstecher zum Hotel noch zum westli­cheren der beiden Regis­trie­rungs­lager (seit neuestem „Hots­pot“ genannt) bei Moria. Was uns dort passiert ist, hat Fabio in seinem Brief an die EU (hier auf Englisch) geschildert. Es wurde eine lange Nacht.

Registrierungslager/EU-Hotspot bei Moria (nahe Mytilene auf Lesbos)Regis­trie­rungs­lager/EU-Hotspot bei Moria (nahe Mytilene auf Lesbos)

 

Was denkst du?