Vierter Tagebucheintrag, geschrieben von Chucky: Von nassen Bussen und reani­mierten Lagern

Am nächsten Morgen, einen Tag nach der unange­nehmen Begegnung mit der Polizei, schlafen wir erst einmal aus und sortieren ansch­ließend in Ruhe unser bisher gesam­meltes Video­ma­terial. Wir beschließen, abends noch einmal nach Skala Sikamineas an der Nordküste aufzu­brechen. Dort treffen wir uns wieder mit Erik und Kari, um zu schauen, was nach der gestrigen Schließung des Auffang­lagers daraus geworden ist. Als wir mit dem Auto durch Manda­mados fahren ist es bereits dunkel. Wir biegen einmal falsch ab und treffen auf eine Gruppe junger Refugees, die irgendwo im Niemandsland zwischen Manda­mados und Nordküste im Regen stehen und warten. Auf Nachfrage erklären uns freiwillige Helfer des “Team Humanity“, dass sie eine Trans­port­kette von der Küste bis zu einer Tankstelle (zwei Kilometer entfernt) bilden und versuchen, damit das immer noch nicht optimal funktio­nie­rende Bussystem zu unter­stützen. Mit Klein­trans­portern werden die Refugees langsam zur Tankstelle gefahren. Weil es keine Über­da­chung gibt und der Regen immer stärker wird, beginnen die übrigen, die keinen Platz in den Trans­portern bekommen haben, zu laufen. Wir schnappen uns das Wasser und die Saftpa­ckungen, die gestern im geräumten Auffang­lager übrig geblieben waren, und händigen den Refugees die Getränke aus, während wir sie zu Fuß auf der Strecke begleiten. Einige sind verdutzt, weil wir kein Geld für die Getränke wollen. Nach ihrem Aufenthalt in der Türkei, wo laut Aussage einiger Refugees Staat und Schleuser Hand in Hand arbeiten, um aus ihrem Elend Profit zu schlagen, sind sie es nicht gewohnt, dass Menschen ihnen ohne Gegen­leistung helfen möchten.

An der nahe gelegenen Tankstelle angekommen, treffen wir auf Kari und Erik und verteilen mit ihnen zusammen weitere Getränke und Nahrung an die dort auf den nächsten Bus zur Insel­haupt­stadt wartenden Refugees. Der Besitzer der Tankstelle schreit mehrmals Refugees an, wenn diese Müll liegen lassen oder Gegen­stände in der Garage, in der sie Schutz vor dem Regen finden, aus Versehen bewegen. Zudem hat er Angst, dass sie über seinen abseh­baren Laden­schluss hinaus vor Ort bleiben könnten. Wir laufen mit Müll­tüten zwischen den Refugees hindurch und sammeln ihre Abfälle ein, um ihnen weiteren Ärger mit dem aufbrau­senden Tankstel­len­be­sitzer zu ersparen. Es sind vor allem Refugees aus Afgha­nistan, was nach Meinung der meisten Freiwil­ligen, mit denen wir darüber gesprochen haben, am schlechten Wetter und den ökono­mi­schen Voraus­set­zungen vieler afgha­ni­scher Refugees liegt. Nachdem die Refugees in den Bus und zwei weitere Klein­trans­porter einge­stiegen sind, fahren wir weiter zu unserem eigent­lichen Ziel, dem Auffang­lager bei Skala Sikaminea.

Zu unserem Erstaunen wird das Auffang­lager wieder betrieben (siehe dazu Tagebuch Donnerstag) und verfügt über ein provi­so­ri­sches Ticket­system. Es werden auch Kleidung, Wasser und Tee ausge­geben. Weil es kein Licht im großen Zelt gibt, wird die Decke mit zwei Strahlern angestrahlt und so das gesamte weiße Zelt erleuchtet. Wir treffen den Schweizer Rettungs­schwimmer Markus von “Schwi­zer­chruez” wieder, der zusammen mit seinen Kolleg*innen gerade Heizstrahler aufbaut. Ich greife mir einen der Strahler, positio­niere ihn auf meinem Kopf, womit ich sowohl die Decke als auch die Gesichter einiger Refugees erhelle.
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Deswegen sprechen mich zahlreiche Refugees an und fragen nach Infor­ma­tionen zur Situation. Auch hier kommen alle, mit denen ich gesprochen habe, aus Afgha­nistan. Die meisten erkun­digen sich nach dem Bussystem oder wohin die Busse sie bringen. Mit Wahid, einem weiteren ehema­ligen ISAF-Über­setzer, unter­halte ich mich länger über die Situation der afgha­ni­schen Refugees. Sie fliehen vor der Taliban in den Westen, so Wahid, weil dieser wenigstens versucht habe, die Taliban zu besiegen. Er übt scharfe Kritik an Merkel für ihren Deal mit der Türkei, weil dort Staat und Schleuser zusam­men­ar­beiten würden, um den maximalen Gewinn aus dem Elend der afgha­ni­schen Refugees zu schlagen. Als er wenig später in den Bus steigt, gebe ich ihm unsere Kontakt­daten und wünsche ihm viel Glück. Nach wenigen Stunden ist das Camp leer, es stürmt und es kommen keine neuen Boote mehr.

Father Christo­phorus, ein griechi­scher Priester aus den USA, hält eine Ansprache (siehe dazu auch Video 4) und erklärt wie es weiter geht mit dem Auffang­lager. Er sagt, dass es wieder in Betrieb sei und es nun ein System für die Busse, die Essens- und Kleider­ausgabe gebe sowie eine gesicherte medizi­nische Betreuung für die nächsten Tage. Die Busse fahren entweder direkt nach Moria, über das er sagt: „It’s not nice there“, was wir selbst gestern erfahren durften, oder nach Manda­mados. Nach der Ansprache verlassen wir das Camp und brechen mit den Rettungs­schwimmer*innen aus der Schweiz, anderen Freiwil­ligen und Journalist*innen in ein Restaurant auf, um Erfah­rungen der letzten Tage auszut­au­schen. Nachts treten wir ohne Naviga­ti­ons­gerät eine längere Heimreise an und fallen erneut hunde­müde ins Bett.

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