Fünfter Tagebucheintrag: Sonntag, 25.10. – Über­fahrt nach Piraeus

Am Sonntag­morgen stehen wir früh auf, um uns bei der Fähr­hotline zu erkun­digen, wann nun die Fähre nach Piraeus fährt, die am Samstag wetter­be­dingt ausge­fallen war (siehe den Tagebucheintrag zu Samstag). Zusammen mit Naem und Salam­hudin machen wir uns bald auf zurück zum Hafen. Viele der Geflüch­teten haben direkt am Hafen über­nachtet – aus finan­zi­ellen Gründen, aber auch um sicher zu sein, die nächste Fähre nicht zu verpassen.

Fähr­ver­spätung – Geflüchtete bauen am Hafen von Mytilene ihre Zelte auf

Die Menschen, die mit uns auf die Fähre wollen, sind – soweit ich das erkennen kann – zu 99% Nicht-Europäer. Um uns herum ist ein buntes Sprach­gewirr. Endlich sehen wir die Fähre. Zusammen mit den anderen Wartenden werden wir aufge­fordert, uns auf der freien Fläche am Hafen in drei Schlangen anzustellen. Dabei werden wir von Hafen­ar­beitern, Sicher­heits­kräften und bewaff­neten Polizei­ein­heiten dirigiert.

Sonder­bares Schlan­ge­stehen am Hafen von Mytilene

Bald werden die Schlangen an Bord manö­vriert. Dort müssen wir einmal durch das ganze untere Deck im Kreis laufen. Am Ende (also wieder am Eingang der Fähre) wird unsere Fahrkarte kontrol­liert und wir werden nach oben gelassen. Das Ganze ist eine skurille und auch etwas demü­ti­gende Situation, die ich mir bei Reisen von über­wiegend europäi­schen Fahrgästen nur schwer vorstellen kann. Immerhin kosten die Tickets zwischen 40€ und 80€ pro Person. Auf dem Oberdeck bessert sich die Behandlung und wir bekommen am Empfang eine Kabine zugewiesen. Eigentlich wollten wir nur normale Sitztickets haben, die waren jedoch ausver­kauft. Chucky kommt dies zugute. Ihm ist immer noch übel und er nutzt die Kabine für eine intensive Selbst­ku­rierung in stabiler Seitenlage. Ich mache ein Interview mit unseren beiden afgha­ni­schen Mitrei­senden im Zwischendeck. Das Video findet ihr hier. Ich finde es immer noch faszi­nierend, dass wir uns unterwegs wieder getroffen haben. Zu diesem Zeitpunkt weiß ich noch nicht, dass das nicht das letzte Mal gewesen sein wird, dass wir diese Art Zufall erleben. Ich laufe umher, dabei treffe ich einen jungen Afghanen wieder, dem ich schon am Hafen begegnet waren. Er ist gerade mal 18 Jahre alt und spricht fließend englisch. Er stellt mir seine Familie vor. Sie war schon vor einiger Zeit in die Türkei geflohen, wo er als Handwerker arbeitete. Sein Vater ist nicht mehr arbeits­fähig, so dass er in seinem jungen Alter die gesamte Familie inklusive seiner beiden Geschwister mitver­sorgen musste. Das wurde irgendwann zuviel, sodass sich die ganze Familie auf den Weg Richtung Öster­reich aufmachte. Er bringt mir ein paar Vokabeln Dari bei und ich ihm ein bisschen deutsch. Dann erkunden wir zusammen die Decks.

Erschöpfte Kinder an Bord der Fähre nach AthenErschöpfte Kinder an Bord der Fähre nach Athen
Erschöpfte Menschen an Bord der Fähre nach AthenErschöpfte Menschen an Bord der Fähre nach Athen

 

Die meisten Menschen hier sind komplett fertig und ausge­laugt. Für viele scheint es seit vielen Tagen der erste Ort zu sein, der trocken ist und an dem sie sich eine Weile ausruhen können. Da aber die wenigsten eine Kabine oder einen Liege­sessel haben, liegen sie überall. Die Besatzung toleriert das, solange sie bestimmte Bereiche meiden. Ich vermute, dass hier mehr Tickets verkauft werden, als eigentlich Plätze verfügbar sind. Ich unter­halte mich mit einigen Menschen und befrage sie über ihre Flucht­gründe und ihre Ziele und Pläne. Viele kommen aus Syrien und Afgha­nistan, einige aus dem Iran oder dem Irak. Ihre Ziele sind Öster­reich, die Nieder­lande, Schweden und Deutschland. Eine Familie möchte nach Belgien. Viele haben keine genaue Vorstellung von ihrem weiteren Reise­verlauf. Als ich einer jungen Frau, die so ein bisschen die Koordi­nation ihrer Familie über­nommen hat, alle Länder zwischen Griechenland und Schweden aufzähle, guckt sie erschrocken. Es sammeln sich immer mehr Menschen und fragen mich über die Situation an den Grenzen, die recht­lichen Rahmen­be­di­gungen und die Möglich­keiten der Anerkennung und des Famili­ennachzugs aus. Ich versuche ihnen grob ein realis­ti­sches Bild über ihre Möglich­keiten zu geben. Aber irgendwann muss ich abblocken. Weder habe ich genaue tages­ak­tuelle Detail­kennt­nisse, noch bin ich dazu ausge­bildet, eine spontane Rechts­be­ratung vor Ort zu machen. Außerdem kann ich nicht mit einem Dutzend Menschen gleich­zeitig sprechen.

Die Fähre braucht den ganzen Tag von morgens um 10 bis abends um 22 Uhr. Als sich Piräus in der Ferne zeigt, kommt die Crew und macht Lärm. Sie laufen durch die Gänge und wecken die Menschen mehr oder weniger sanft. Ich suche Chucky, Naem und Salam­hudin, wir packen unsere Sachen und laufen mit der Masse mit.

Am Hafen von Piräus bildet sich an Bord eine riesige MenschentraubeAm Hafen von Piräus bildet sich an Bord eine riesige Menschen­traube

An Land splitten wir uns dann auf. Der immer noch sehr erschöpfte Chucky und Salam­hudin (der übrigens kein Wort englisch spricht) fahren direkt zum Hotel, Naem und ich folgen den anderen Geflüch­teten. Wir wollen wissen, wie es ihnen hier in Athen ergeht. Ich habe viele an Bord gefragt. Und sie alle sagten, dass sie in Athen zum “Victoria Square” wollen. Danach? Mal schauen… Dass ich diesen nicht einmal auf der Karte finde, verwundert mich.

Ein Zug durch Athen

So zieht sich ein tausende Menschen langer Zug vom Hafen durch die Stadt. Mal biegt er falsch ab, mal sammelt er sich wieder, spaltet sich und kommt wieder zusammen. Kein Offizi­eller gibt irgend­welche Anwei­sungen oder Tipps. Auf dem Weg stehen immer wieder Busse, aus denen aggressiv für Fahrten zur griechisch/mazedo­ni­schen Grenze geworben wird. Von den GriechInnen wundert sich niemand. Derlei ist man mittler­weile gewohnt. Am Ende des Hafen­ge­ländes steigt der gesamte Zug in die U-Bahn ein und fährt Richtung Victo­ria­platz.

Dort angekommen herrscht zunächst große Verwirrung. Alle Geflüch­teten gehen auf den Platz und orien­tieren sich dort erst einmal. Den meisten gelingt dies auch in kurzer Zeit. Vor Ort ist eine Handvoll Offizielle, die versucht, alle Geflüch­teten dazu zu bewegen, in Busse einzu­steigen, die stündlich ankommen und in zwei große Unter­künfte fahren. Wo diese Unter­künfte sind und wie sie aussehen, wollen sie nicht sagen, nur das Viertel, in dem sie sind. Eine ist im ehema­ligen Flughafen, was mich direkt an Tempelhof denken lässt. Außerdem gibt es auch dort die Möglichkeit, direkt mit dem Bus über Nacht zur Grenze zu fahren. Die Preise sind mit ca. €40 die gleichen wie am Hafen. Nach einigen weiteren inter­essanten Gesprächen fahren wir ebenfalls zum Hotel.

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