Chucky Goldstein möchte seinen Vortrag zum Themen­komplex Deutschpop in seinem aktuellsten Zustand in gemüt­licher Runde halten und dabei den Fokus mehr auf praktische Beispiele legen als sonst üblich. Es wird eine Popcorn­ma­schine geben.

Hier noch der obliga­to­rische Ankün­di­gungstext:

“Auch wenn es die Fans von Bands wie Frei.Wild oder den böhsen onkelz nicht wahrhaben wollen, so sind sie nicht nur Anhänger von Rotzrock­bands mit fragwür­digen Einstel­lungen, sondern glauben an die Möglich­keiten des Unmög­lichen: an unpoli­tische Popmusik. Denn diese lässt sich weder frei von der ökono­mi­schen Basis, noch der sozialen Situation des Inter­preten, noch der histo­ri­schen Phase in der sie konsu­miert wird oder wurde betrachten. So traurig die kapita­lis­tische Realität hinter der schil­lernden Popfassade klingen mag, die Wahrheit ist: Produkte der Kultu­r­in­dustrie wollen unsere Gefühle ansprechen und unsere Bedürf­nisse erfüllen, dass wir sie konsu­mieren und uns vom und für den Arbeit­salltag zu erholen.

„Adorno hatte Recht: die Welt ist schlecht!“ und selbige Aussagen lassen sich auch über die Realität der Popkultur sagen. Die Diktatur der Angepassten, in denen freiwillig auf jedwede Form von Subversion verzichtet wird beherrscht die Gegenwart des deutschen Pop. Während der großen ökono­mi­schen Krise unbekannten Ausmaßes steht auf Platz 1 der Charts ein singender Pandabär, der mit sexis­ti­schen Stereo­typen erklärt: „mach dir nie mehr Sorgen um Geld“. Die Konsument*innen dieser Musik scheinen eben genau dieses Bedürfnis bezie­hungs­weise diese politische Forderung, bloß nichts mehr von Politik wissen zu wollen, in sich zu tragen oder um es mit Grim104 zu sagen: „kurz vor dem Kollaps lässt sich keiner die Laune vermie­sen“.

Doch es wäre nicht Deutschland, wenn es nicht immer noch schlimmer gehen würde. Es wäre nicht Deutschland, wenn die tatsäch­liche Rebellion gegen den kultu­r­in­dus­tri­ellen Alltag nicht eine Rebellion für noch regres­si­veres wäre. Und so ist die scheinbar einzige Rebellion, die sich in der Popkultur beobachten lässt – nicht nur eine system­im­ma­nente – sondern gar eine durch und durch konfor­mis­tische. Eine konfor­mis­tische Rebellion von Musikern wie Frei.Wild, den böhsen onkelz oder Xavier Naidoo. Eine Rebellion die hinter die indivi­dua­lis­ti­schen Errun­gen­schaften des Reedu­ca­tion­pro­gramm Pop zurück­fallen will.

Als das wohl effizi­en­teste Reedu­cation Programm im Zuge der ersten globa­li­sierten Jugend­kultur endgültig die deutsche Jugend in seinen Bann zog, da trafen Welten aufein­ander. Eine Eltern­ge­ne­ration die im Gleich­schritt halb Europa in Schutt und Asche legte und sechs Millionen Juden in den Konzen­tra­ti­ons­lagern auf grausamste Weise entmensch­lichte und ansch­ließend indus­triell ermordete. Und eine Generation die gepackt war vom indivi­dua­lis­ti­schen Glücks­ver­sprechen der ameri­ka­ni­schen und briti­schen Popkultur und lieber wilde Orgien im Schlamm und Kommunen veran­stalte, als die kleinste Zelle des Faschismus am Leben zu erhalten. Der als Studie­ren­den­re­volte in die Geschichte einge­gangene Genera­tio­nen­kon­flikt, war die ideolo­gische Schlacht zwischen popkul­tu­rellem Glücks­ver­sprechen und deutscher Ideologie.

Fünfzig Jahre später sind Xavier Naidoo, Frei.Wild und die böhse onkelz traurige Realität im deutschen Pop und sogar wasch­echte Nazis sind Pop – inklu­siver eigener Mode und Szene­codes. Das popkul­tu­relle Glücks­ver­sprechen scheint im Nachhinein doch verloren zu haben gegen die deutsche Ideologie oder viel mehr noch: die deutsche Ideologie scheint mit Hilfe des popkul­tu­rellen Glücks­ver­spre­chens wieder en vogue zu sein. Und so ist das, was zur Zeiten des „na­tural born antideut­schen“ (Frank Apunkt Schneider) Reedu­ca­tion­pro­gramms undenkbar war, mittler­weile Realität.

Dieser Vortrag soll mit Hilfe von Hörbei­spielen den Werdegang des Pop in Deutschland vom einstiegen Reedu­ca­tion­pro­gramm zum Soundtrack der Diktatur der Angepassten und der konfor­mis­ti­schen Rebellion nachzeichnen und kritisch beleuchten und darlegen warum kein Frieden mit Deutschpop zu machen ist. / Der Referent produ­ziert Musik, legt sie auf, schreibt darüber und studiert ihren kultu­rellen und ökono­mi­schen Kontext.”

Was denkst du?